Gleicher Preis, weniger drin: Wie Shrinkflation und Preispsychologie den Rabatt aushebeln
Nicht jede Preiserhöhung steht am Preisschild. Wenn die Packung schrumpft oder die Rezeptur billiger wird, sinkt der Preis nur scheinbar — und der Grundpreis ist das einzige Gegenmittel.
Es gibt eine Preiserhöhung, die keinen Preis erhöht. Die Packung sieht aus wie immer, die Zahl am Regal ist unverändert — nur sind statt 500 Gramm noch 400 drin. Rechnerisch sind das 25 Prozent mehr pro Kilo, wahrgenommen wird davon: nichts.
Das ist kein Randphänomen und kein Lebensmittelthema allein. Es betrifft Waschmittel, Kaffee, Tierfutter, Kosmetik, Druckerpatronen und Küchenpapier — also fast alles, was regelmäßig nachgekauft wird. Und es hebelt genau die Vergleiche aus, auf die sich Sparfüchse sonst verlassen.
Zwei Varianten derselben Idee
Shrinkflation ist die sichtbare Variante: Die Menge sinkt, der Preis bleibt. Weniger Gramm, weniger Milliliter, weniger Blatt auf der Rolle. Verbraucher bemerken sie relativ häufig, weil sich die Packung manchmal doch verändert.
Skimpflation ist die unsichtbare: Die Menge bleibt, die Zusammensetzung wird billiger. Der teure Bestandteil wird durch einen günstigeren ersetzt, der Anteil hochwertiger Zutaten sinkt, die Verarbeitung wird einfacher. Studien im Auftrag von Verbraucherorganisationen zeigen, dass diese Variante deutlich seltener auffällt als die Mengenreduktion — sie steht ja nirgends auf der Packung.
Interessant ist, woran sich Ärger dabei entzündet. Befragungen kommen übereinstimmend zu demselben Ergebnis: Nicht die Preiserhöhung selbst wird als unfair empfunden — dass Kosten steigen, akzeptieren die meisten. Als unfair gilt, dass sie versteckt wird. Deshalb ist die politische Antwort auch keine Preisregulierung, sondern eine Kennzeichnungspflicht: Wer die Füllmenge bei gleichem Preis reduziert, soll darauf hinweisen müssen.
Der Grundpreis ist das einzige verlässliche Werkzeug
Gegen beides gibt es genau ein Gegenmittel, und es steht klein unter fast jedem Preis: der Grundpreis — der Preis pro Kilogramm, Liter, Meter oder Stück.
Er ist die einzige Angabe, die eine Mengenänderung automatisch mitrechnet. Zwei Packungen, deren Preise identisch aussehen, unterscheiden sich im Grundpreis sofort. Wer sich angewöhnt, bei Verbrauchsgütern ausschließlich diese Zahl zu lesen, wird gegen Shrinkflation praktisch immun.
Er hat allerdings eine Grenze, die man kennen muss: Der Grundpreis vergleicht nur die Gegenwart. Er zeigt, welche der Packungen im Regal heute günstiger ist. Er zeigt nicht, dass dieselbe Marke vor sechs Monaten dreißig Prozent billiger pro Kilo war. Für den zeitlichen Vergleich braucht es weiterhin einen Blick auf den Preisverlauf.
Warum ein Rabatt auf eine geschrumpfte Packung doppelt täuscht
Hier treffen sich zwei Themen. Ein Streichpreis bezieht sich auf den Packungspreis, nicht auf den Grundpreis. Wird die Füllmenge reduziert und die kleinere Packung anschließend mit „−20 %" beworben, ist der Rabatt formal korrekt gerechnet — gegen den vorherigen Preis derselben, kleineren Packung. Pro Kilogramm kann der Artikel trotzdem teurer sein als vor der Aktion.
Das ist die Kombination, gegen die auch die Prüfschritte aus unserem Ratgeber zu Fake-Rabatten nicht greifen: Dort geht es darum, ob der Referenzpreis stimmt. Hier stimmt er — nur bezieht er sich auf eine andere Menge.
Die Preispsychologie dahinter
Dass all das funktioniert, liegt an ein paar gut untersuchten Eigenheiten der Wahrnehmung.
Der Ankereffekt. Die erste Zahl, die man sieht, bestimmt, wie alle folgenden bewertet werden. Deshalb steht der Streichpreis links und größer als nötig. Wer den Anker akzeptiert, hat die Bewertung schon abgegeben, bevor er den echten Preis gelesen hat.
Die Preisschwelle. 9,99 statt 10,00 — der Unterschied ist ein Cent, die wahrgenommene Preisklasse eine andere. Der Effekt ist bekannt und funktioniert trotzdem weiter.
Die Referenzverschiebung. Ein sehr teures Produkt neben einem mittelteuren lässt das mittlere günstig aussehen. Das teure muss sich gar nicht verkaufen; es hat seine Aufgabe erfüllt, indem es dasteht.
Die Mengen-Illusion. Volumen wird schlechter geschätzt als Länge. Eine Packung, die etwas schmaler, aber genauso hoch ist, wirkt unverändert — obwohl spürbar weniger drin ist. Genau darauf zielt Shrinkflation.
Keine dieser Mechaniken ist ein Betrug. Sie sind legal, verbreitet und funktionieren auch bei Leuten, die sie kennen. Man kann sich ihnen nicht durch Aufmerksamkeit entziehen, sondern nur durch eine Regel, die keine Aufmerksamkeit braucht.
Die Regel
Für Verbrauchsgüter lautet sie: Grundpreis lesen, Packungspreis ignorieren. Für alles andere gilt weiter das, was wir in der Auswertung der Rabatt-Verteilung gezeigt haben — der Prozentwert allein sagt nichts, solange man ihn nicht gegen den realen Markt hält.
Und für die Warengruppen, bei denen der Nachkauf ohnehin planbar ist, gibt es einen Weg, der die ganze Vergleichsarbeit reduziert: ein Spar-Abo mit fixem Rabattsatz. Es schützt zwar nicht vor Shrinkflation — aber es nimmt die Preisschwankung aus einer Kategorie heraus, in der sie besonders schwer zu durchschauen ist.
* Preise inkl. MwSt., ggf. zzgl. Versand. Preise können sich seit der letzten Aktualisierung geändert haben; maßgeblich ist der aktuelle Preis auf der Händlerseite. Eine Aktualisierung in Echtzeit ist technisch nicht möglich.
Über den Autor
Yahya Bolat
Redaktion · hyped4you
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